1. Korinther 11,27–34 – Unwürdig essen? Was meint Paulus hier?
Bibeltext (BasisBibel)
27Wer auf unwürdige Weise das Brot isst oder aus dem Becher des Herrn trinkt, muss wissen: Er macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn.28Jeder Mensch soll das für sich selbst überprüfen! Erst dann soll er vom Brot essen und aus dem Becher trinken!29Denn bei diesem Essen und Trinken geht es um den Leib des Herrn. Wer das nicht beachtet, spricht sich beim Essen und Trinken selbst das Urteil.30Das ist auch der Grund, warum es bei euch so viele Schwache und Kranke gibt. Ja, manche sind sogar schon gestorben.31Würden wir uns selbst richtig prüfen, dann müsste der Herr nicht über uns richten.32Sein Urteil dient dazu, uns zurechtzuweisen. Damit verhindert er, dass wir zusammen mit dieser Welt endgültig verurteilt werden.33Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, gebe ich euch die Anweisung: Wartet aufeinander, wenn ihr zum Essen zusammenkommt!34Wer Hunger hat, soll zu Hause essen. Dann kann eure Zusammenkunft nicht zu eurer Verurteilung führen. Alles Weitere werde ich regeln, wenn ich komme.
Predigt
Die sogenannten Einsetzungsworte zum Abendmahl hören wir ja recht oft. Aber daran schließt sich diese Warnung an: "Wer auf unwürdige Weise das Brot isst oder aus dem Becher des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn." Wie gehen wir mit dieser Warnung um? Was sagt Paulus hier eigentlich?
Um Paulus richtig zu verstehen, müssen wir uns ansehen, in welchem Umfeld sich unser Text befindet. Man spricht auch vom Kontext. Wenn wir in demselben Kapitel 11 bis zu Vers 17 zurückgehen, entdecken wir, dass Paulus bestimmte Zustände in der Gemeinde Korinth kritisiert. Paulus schreibt:
17Aber da ist noch eine Sache, zu der ich euch Anweisungen geben muss. Dabei kann ich euch nicht loben: Denn ihr kommt nicht so zusammen, dass es gut für die Gemeinde ist. Vielmehr schadet es ihr.18Zunächst höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, gibt es verschiedene Gruppen. Zum Teil glaube ich das auch.19Es kann ja gar nicht anders sein, als dass es verschiedene Parteien bei euch gibt. Nur so zeigt sich, wer von euch sich bewährt.20Wenn ihr zusammenkommt, hat das nichts zu tun mit dem vom Herrn eingesetzten Mahl.21Denn wenn es ans Essen geht, hält jeder sein eigenes Mahl. Und so ist der eine hungrig, der andere aber betrunken.22Habt ihr etwa keine Häuser, in denen ihr essen und trinken könnt? Oder missachtet ihr die Gemeinde Gottes und wollt die herabsetzen, die nichts haben? Was soll ich zu euch sagen? Soll ich euch dafür etwa noch loben? Nein, dafür lobe ich euch nicht! (1. Korinther 11,17–22)
In der Gemeinde gibt es verschiedene Gruppen. Paulus hat dieses Thema bereits am Anfang seines Briefes angeschnitten (1. Korinther 1,10–13). Menschen, die eine Gruppe bilden, haben etwas gemeinsam, das ihnen wichtig ist, und über das sie sich definieren. Vielleicht sind sie alle gleichzeitig bei einem besonderen Event zum Glauben gekommen. Vielleicht sind sie einfach schon länger in der Gemeinde als viele andere. Jedenfalls pflegen die Mitglieder der Gruppe eine stärkere Beziehung zueinander als zu den übrigen Mitgliedern der Gemeinde. Mit diesem Phänomen setzt sich Paulus gründlich auseinander, und stellt die Diagnose: Es handelt sich um Überheblichkeit (1. Korinther 4,7–8).
Paulus begründet seinen Gedanken. Die Gemeinde besteht aus den Menschen, welche Christus herausgerufen hat. Dies ist das einzige Kriterium, welches in der Gemeinde zählt. Deshalb ist jedes Mitglied der Gemeinde zu jedem anderen Mitglied gleichwertig. In seiner Treue beruft Gott uns zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, der unser Herr ist (1. Korinther 1,9).
Als Jesus Christus uns berufen hat, da hat er ganz bewusst Menschen ausgewählt, die nicht viel gelten (1. Korinther 1,26–29). Es gehört zu Gottes Strategie, mit schwachen Menschen zu arbeiten, weil Gott mit uns ein geistliches Ziel erreichen will (1. Korinther 2,10–16).
Nun entdecken wir, durch die Kritik von Paulus, dass das Denken mancher Christen in Korinth immer noch von der Vorstellung von sozialen Unterschieden geprägt war. Für diese Christen war es unter ihrer Würde, mit manchen ihrer Glaubensgeschwister Gemeinschaft zu haben. Doch wie wurde in Korinth überhaupt das Abendmahl gefeiert?
Die erste Generation von Christen hatte keine Kirchengebäude oder Gemeindehäuser zur Verfügung. Ein naheliegender Gedanke war daher, sich in den Häusern von reicheren Christen zu treffen. Deutlich sehen wir solche Hausgemeinden in der Grußliste am Ende des Römerbriefs (Römer 16,3–16). Aber auch andere Stellen geben uns Hinweise (Apostelgeschichte 2,46;12,12).
Trotzdem gab es natürlich die Möglichkeit für größere gemeinsame Treffen. In Jerusalem konnte, zumindest in der Anfangszeit, der Tempel genutzt werden. In Philippi scheint man sich eher am Fluss getroffen zu haben (Apostelgeschichte 16,13). In Korinth traf sich die Gemeinde eine Zeit lang in der Schule des Tyrannus (Apostelgeschichte 19,9).
Paulus findet es nicht gut, dass die Gemeinde, wenn sie zusammenkommt, in unterschiedliche Gruppen zerfällt. Jede Gruppe scheint ihr eigenes Mahl zu halten, statt mit dem Anfang des Essens auf die anderen zu wartet.
Reden wir einmal über die Essenszeiten. Wer körperliche Arbeit leistete, nahm morgens ein Frühstück ein. Am Nachmittag kam die Hauptmahlzeit des Tages (die cena). Abends wurde die vesperna eingenommen.
Die Essenszeiten der Oberklasse waren anders. Diese Menschen brauchten nicht körperlich zu arbeiten. Ihr Ziel war es, alle Besorgungen und Erledigungen in den Vormittag zu packen. Dann besuchten sie das öffentliche Bad. Gegen 16:00 Uhr waren sie wieder zuhause. Nun nahmen sie sich Zeit für die Hauptmahlzeit (cena), die sich lange hinziehen konnte, und manchmal in einem Trinkgelage endete.
Stellen wir uns vor, die Korinther Gemeinde will sich am Sonntagabend treffen, und auch miteinander essen. Jeder, der kann, soll etwas zu dem Essen beitragen. Die Leute aus der Oberklasse sind zuerst da. Sie bringen reichlich Essen mit, denn sie können es sich leisten. Sie entscheiden sich, nicht auf die anderen zu warten, sondern mit dem Essen anzufangen. Natürlich nehmen sie sich vor, den anderen etwas übrig zu lassen. Hier liegt schon ihr erster Irrtum: Es geht nicht um das Essen an sich. Es geht um die Gemeinschaft. Gemeinschaft lebt von der Gleichzeitigkeit, und davon, dass man Zeit für den anderen hat. Das Ziel des gemeinsamen Essens ist nur ganz nebenbei, dass man auch satt wird.
Nun ist es so, dass sich Menschen aus der Oberschicht damals zum Essen auf eine Art Sofa gelegt haben, nämlich auf das triclinium. Man lag da auf der Seite, und stützte den Kopf auf den linken Arm und evtl. noch auf ein Kissen. Die rechte Hand blieb frei, um sich Essen vom Tisch nehmen zu können. Drei solche Sofas für je drei bis vier Personen standen an drei Seiten eines Tisches. Die vierte Seite des Tisches blieb frei, damit die Bediensteten zwischendurch das Fleisch tranchieren sowie Platten abräumen und den nächsten Gang bringen konnten.
Im Gegensatz zur Oberschicht mussten die anderen Menschen körperlich arbeiten. Sie aßen für gewöhnlich im Sitzen. Ihr Essen bestand hauptsächlich aus Getreidebrei, der sich schnell und einfach zubereiten ließ, denn sie hatten nicht viel Zeit zum Essen. Zum Treffen der Gemeinde konnten sie erst kommen, wenn alle Arbeit getan war. So gab es in der Korinther Gemeinde zwei Klassen von Leuten: Die einen nutzten die Liegen und tafelten ausgiebig. Die anderen kamen spät, aßen im Sitzen und konnten natürlich nur noch von dem essen, was übrig war.
Paulus kreidet der Gemeinde in Korinth an, dass die begüterten Mitglieder nicht auf die anderen achten. Während der eine schon satt und womöglich sogar betrunken ist, hat ein anderer noch nicht einmal etwas zu essen gehabt. Unter diesen Umständen kann man nicht vom "Mahl des Herrn" sprechen, also vom Abendmahl, so wie Jesus es eingesetzt hat. Statt dessen haben die reicheren Leute einfach ihr privates Mahl gehalten, als wenn es die übrige Gemeinde nicht gäbe.
Schlimmer noch: Indem die reicheren Leute nicht auf die anderen warten, setzen sie die einfacheren Leute herab. Sie haben die Einheit der Gemeinde missachtet. Sie haben die Heilstat Christi missachtet. Denn Christus hat für jede und jeden von uns den vollen Preis bezahlt. Da steht es uns nicht zu, die Schwester oder den Bruder herabzusetzen.
Wir haben jetzt also gesehen, was in Korinth falsch lief. Nun wissen wir, was Paulus meint, wenn er davor warnt, auf unwürdige Weise das Brot zu essen oder aus dem Becher des Herrn zu trinken. Es geht nicht darum, ob der einzelne Mensch in einem würdigen oder unwürdigen Zustand ist. Es geht hier um die Art, wie in der Gemeinde die gemeinsamen Mahlzeiten laufen. Indem die reicheren Leute nicht auf die anderen warteten, setzten sie die Einheit des Leibes Christi aufs Spiel.
Der Text unterscheidet nicht zwischen einer gemeinsamen Mahlzeit als Gemeinde und dem Herrenmahl mit Brot und Kelch. Brot und Kelch als Erinnerungszeichen waren in die gemeinsame Mahlzeit integriert. Diese Zeichen leben nicht davon, dass alle sie im selben Moment nehmen. Beim Kelch ist dies ja sogar unmöglich. Die Zeichen leben davon, dass wir sie miteinander teilen und dabei darauf achten, niemanden zu übersehen.
Deshalb beschreibt Paulus im elften Kapitel, wie Jesus das Abendmahl eingesetzt hat. Das ist der Grund, warum wir diese Verse "die Einsetzungsworte" nennen (1. Korinther 11,23–26). Aber vor und nach diesen Einsetzungsworten arbeitet Paulus daran, die Missstände in Korinth zu korrigieren. "Unwürdiges Verhalten" ist alles, was nicht die Gemeinschaft in Christus ins Zentrum stellt.
Am Ende unseres heutigen Textes gibt Paulus Hinweise, wie wir wertschätzend miteinander umgehen können: "Wartet aufeinander, wenn ihr zum Essen zusammenkommt!" Beim gemeinsamen Essen in der Gemeinde geht es nicht darum, alles möglichst effizient und schnell über die Bühne zu bekommen. Wir wollen ja bewusst Zeit miteinander verbringen. Wenn wir an einem gemeinsamen Essen teilnehmen, dann lassen wir uns also Zeit. Wir wollen wir denn füreinander da sein und einander zum Segen werden, wenn wir wegen eines Anschlusstermins unter Strom stehen?
Wer Hunger hat, soll zu Hause essen, schreibt Paulus. Auch diese Empfehlung zeigt uns, worauf es ankommt: Bediene Dich mit Augenmaß – es sind noch mehr Leute da, und das Essen soll für alle reichen. Wer sich unbescheiden den Teller füllt, obwohl doch die Gemeinschaft im Vordergrund steht, der handelt unwürdig. In diesem Sinne ist die Warnung gemeint, sich nicht schuldig zu machen (Vers 27).
Die Warnung des Paulus, nicht auf unwürdige Weise das Brot zu essen oder aus dem Becher des Herrn zu trinken, ist keine Aufforderung zur persönlichen Gewissensprüfung. Paulus erinnert uns daran, dass Jesus Christus für jede und jeden von uns gestorben ist. Das ist die Grundlage unserer Gemeinschaft.
13Denn als wir getauft wurden, sind wir durch den einen Geist alle Teil eines einzigen Leibes geworden – egal ob wir Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen waren. Und wir sind alle von dem einen Heiligen Geist erfüllt worden. (1. Korinther 12,13)
Wir sind durch Jesus Christus Teil eines einzigen Leibes geworden. Das feiern wir, wenn wir Brot und Kelch miteinander teilen. Es geht dabei nicht um das Brot an sich. Es geht nicht um den Kelch, oder um das, was er enthält. Im Mittelpunkt steht die Gemeinschaft und die Tatsache, dass wir aufeinander achten und die Zeichen miteinander teilen. Wenn das gegeben ist, dann essen und trinken wir auf eine Art, die Christus würdig ist. Wir sind Christi Leib geworden. Daran erinnern wir uns.
Martin Pusch – Predigt gehalten am 18. Oktober 2026.